Ort & Anlage

Eine gar nicht so kleine Welt am See

Wer auf dem Strandweg zwischen Rapperswil-Jona und Schmerikon spaziert, sieht die schöne Anlage direkt am Ufer des Oberen Zürichsees. Die Zisterzienserinnen-Abtei Mariazell Wurmsbach ist eine kleine, aber sehr vielfältige Welt. Und genauer betrachtet, ist diese Welt gar nicht so klein: Sie besteht aus verschiedenen Klostergebäuden um einen Kreuzgang, einem grossen Klostergarten und einer Kirche. Ausserdem gehört zu dieser Welt das angegliederte Mädcheninternat, ein Pachtbetrieb mit Wiesen und Ackerland und ein schönes Naturschutzgebiet samt Wald, der teilweise ein Naturwaldreservat ist.

Aussichten und Innenwelten

Selbst heute wäre im Kloster noch beinahe ein autarkes Leben möglich. Und so gibt es neben Kirche, Kapitelsaal, Refektorium, Sakristei auch ganz profane Räume, wie etwa eine grosse Klosterküche, Bibliothek, Näherei, Imkerei, Krankenstation, Verwaltungsbüros oder Werkräume.

Von schmelzenden Glocken und einer schwimmenden Madonna

Die Geschichte der Klosterkirche, welche 1281 eingeweiht wurde, führt über viele Stationen. Von der ersten Saalkirche zur Spätgotik, Barockumbauten und den Stuckaturen der Rokokodecke. Zwei bemerkenswerte Ereignisse seien hier zitiert.

1530 war die Reformation am Zürichsee in vollem Gange. Die Kirchen wurden regelrecht ausgeräumt. Eines Tages wurde eine Madonnenstatue bei Wurmsbach angeschwemmt. Sie war wahrscheinlich Teil einer Kreuzigungsgruppe, welche offenbar im Zuge des Bildersturms in den See geworfen wurde. Sie wurde von den Schwestern aus dem See gerettet und steht seither als Mater Dolorosa in der Kirche.

1718 schlug der Blitz in den Kirchturm ein und brachte alle vier Glocken zum Schmelzen. Ein harter Schlag für die Buchhaltung der Schwestern. Die damalige Äbtissin hatte Glück im Unglück: als Bürgerin von Zürich erhielt sie von der Stadt 100 Pfund an den Schaden, sodass schon bald drei neue Glocken im Turm läuten durften.

Das markante, moderne Kreuz in der Mitte der Kirche schuf Josef Caminada, ein Goldschmied und Eisenplastiker aus Vrin. Er schreibt dazu: «Das Kreuz bedeutete zur Zeit Jesu Folter, Leiden, Ausweglosigkeit und Tod. Jesus hat dieses Kreuz aber überwunden. Durch ihn wurde es zum genauen Gegenteil, zum Zeichen der Hoffnung und des ewigen Lebens. Ich habe zwei Kreuze zu einem verbunden. Das statische Kreuz des Todes, dessen Botschaft durch das Kreuz des Lebens «durchkreuzt» wird. So entsteht ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Durch die dreidimensionale Gestaltung entsteht eine kaum fassbare Form, welche das Geheimnis des Kreuzes symbolisiert. Je nach Standort bricht dieses Kreuz das Licht und wird dadurch Zeichen der Auferstehung.»

Josef Caminada gestaltete im Jahr 2003 auch Altar, Ambo, Tabernakel, Chorgestühl und Kerzenständer. Die schlichte, klare Formensprache korrespondiert ideal mit den ursprünglichen Werten des Zisterzienserordens: Einfachheit, unverfälschte Formen und prunkloser Dienst zur inneren Sammlung.

Glasfenster sind Lichtblicke

Von 1984 bis 89 entstand ein neuer Bildzyklus im Kreuzgang des Klosters. Er besteht aus 34 Glasfenstern mit Motiven aus dem Leben des heiligen Bernhard von Clairvaux. Die farbstarken Fenster wurde anlässlich des 900. Geburtstag von Bernhard im Jahre 1990 eingeweiht. Sie stammen vom Glasmaler und Künstler Edy Renggli.

Er gestaltete unzählige Kirchen, Klöster und Kapellen in der ganzen Schweiz. Selbst in Übersee sind Rengglis Glasfenster zu bewundern, zum Beispiel in der anglikanischen Kathedrale St. Alban in Washington D. C.

Seit 760 Jahren in die Zukunft schauen

Die 760-jährige Geschichte des Klosters Mariazell Wurmsbach.

1259

Gründung der Zisterzienserinnen-Abtei durch Graf Rudolf IV. von Rapperswil. Die Beginen-Gemeinschaft von Mariaberg am Albis beginnt in Wurmsbach nach der Benediktsregel und den Satzungen des Zisterzienserordens zu leben.

1281

Bau der Klosteranlage nach dem Zisterzienser-Bauplan. Viele Zisterzienserklöster liegen an einem Gewässer. Wurmsbach entspricht weitgehend dem baulichen Idealplan der Zisterzienser.

1281

Einweihung der Klosterkirche.

1400

Hochblüte des Zisterzienserordens mit europaweit über 1500 Männer- und Frauenklöstern. Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz waren es 22 Frauen- und 8 Männerklöster.

1531

In der Zeit des Bildersturms wird die Muttergottes-Statue angeschwemmt, die heute in der Kirche steht.

1588

Bau des Gästehauses, heute Lichthof genannt.

1843

Eröffnung einer internen Mädchenschule.

1970

Eine innere und äussere Erneuerung von Kloster und Schule beginnt mit Äbtissin Clara Romer.

1972

Neubau von Schulhaus und Wohntrakt 1976.

2003

Restaurierung der Klosterkirche und Eröffnung des Lichthofs für Gäste unter Äbtissin Monika Thumm.

2011

Renovierung des Konventgebäudes

2019

11 Ordensfrauen darunter eine Novizin gestalten die Gegenwart im Kloster Mariazell Wurmsbach.

Neben den geistig-religiösen Reformanliegen hatte der Orden seit jeher eine Pionierrolle im wirtschaftlichen Sektor und war massgeblich beteiligt an Neuerungen und Entwicklungen in Handwerk, Landwirtschaft und Architektur. Die wirtschaftliche Grundlage des Klosters waren für lange Zeit Ackerbau, Viehzucht, Mühlebetrieb und Gartenbau. Noch heute gehört zum Kloster der in Pacht gegebene Gutsbetrieb.

1843 gründete das Kloster eine interne Mädchenschule. Es ermöglichte – für die damalige Zeit aussergewöhnlich und revolutionär – auch jungen Frauen den Zugang zu einer umfassenden Bildung. Das ist inzwischen selbstverständlich. Die Mädchenschule gibt es trotzdem noch. Sie hat sich weiterentwickelt und heisst: Das Mädcheninternat am See. Und wie schon 1843 hat man in gewissen Bereichen die Nase immer noch vorn ...

Pachtbetrieb

70 Kühe, 80 Hektar

Angegliedert ans Kloster ist ein grosser Pachtbetrieb. Der IP-Betrieb mit rund 70 Kühen und verschiedenen Kleintieren wird schon seit vielen Jahren vom tüchtigen Pächter-Ehepaar Judith und Thomas Gügler geführt. Der Hof ist im Besitz des Klosters.

Naturwaldreservat

Eulen und Käuze,
Moose und Erlen

Im Jahr der Biodiversität, 2010, hat das Kloster Mariazell 33 Hektaren des klostereigenen Waldes der natürlichen Waldentwicklung übergeben. «Weid» heisst dieses Naturwaldreservat, wo 150 Eichen und 429 Biotopbäume stehen. Es liegt zwischen Oberbollingen und Schmerikon. Das Naturwaldreservat zeichnet sich nicht nur durch ein äusserst hohes Biodiversitätspotential aus, sondern auch durch die Tatsache, dass es trotz kleiner Grösse repräsentativ für das ganze Mittelland ist. Da der Wald ziemlich feucht ist, entsteht Lebensraum für die Waldschnepfe. Auch Eulen und Käuze profitieren davon, ebenso verschiedene Spechte. Im Klosterwald wächst ausserdem ein sehr seltenes Moos, das, weil es Schatten liebend ist, im geplanten Naturwald gedeihen wird. So leistet das Kloster mit einem Stück Wald, der natürlich nach wie vor dem Kloster gehört, einen Beitrag zur Artenvielfalt am Zürichsee.

In einem umgebauten Stall befindet sich es ein Waldschulzimmer mit prächtiger Aussicht auf den Obersee. Das Mädcheninternat am See unternimmt regelmässig Ausflüge in die ursprüngliche, sich selbst überlassene Natur. So werden die Mädchen nicht nur informiert, sondern auch sensibilisiert. Das Kloster stellt das Waldschulzimmer Schulen und Organisationen für Exkursionen ins Reservat gerne zur Verfügung. Kontaktpersonen sind:

Rolf Ehrbar, Regionalförster, Waldregion 4 See,
E-Mail: rolf.ehrbar@sg.ch
Telefon: 055 283 30 42

Othmar Köpfli, Obmann der Jagdgesellschaft Jona
E-Mail: o.koepfli@gmx.ch
Mobile: 079 718 42 78

In den Downloads finden Sie Angaben zur Benutzung und weitere Informationen zum einzigartigen Naturwaldreservat "Weid" am Oberen Zürichsee.